„Jeder von uns ist ein Millionenvermögen wert“

Drei Fragen an … Personalmanagement-Expertin Prof. Dr. Jutta Rump

Prof. Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Ludwigshafen. Das „Personalmagazin“ listet sie seit mehr als 10 Jahren als eine der 40 führenden Köpfe des Personalwesens. Beim Natural BI Summit 2019 hatten wir die Gelegenheit für ein Interview mit der Personalmanagement-Expertin, die als Projekt- und Prozessbegleiterin zahlreiche Unternehmen unterstützt. Wir sprachen mit ihr über die Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt.

Sie beschäftigen sich mit den Konsequenzen der Digitalisierung jenseits der Technik. Was genau sind denn die Konsequenzen?

Rump: Die Konsequenzen sind sehr vielfältig und betreffen weitaus mehr als die offensichtlichen Effekte auf Technologie, Wertschöpfungsketten oder das Geschäftsmodell. So hat die Digitalisierung enorme Auswirkungen auf die Anforderungen, die wir stellen in Bezug auf das Arbeitsleben, den Arbeitsplatz, die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszeitmodelle. Wie sieht es zum Beispiel mit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben aus? Weiterhin hat die Digitalisierung beträchtliche Konsequenzen für die Themen Führung und Organisation bis hin zu der Frage, wie Qualifizierung in Zukunft aussieht, weil sich Anforderungsprofile ändern und manche Berufsbilder komplett wegfallen.

Die Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt massiv verändern. Welche Lösungsansätze gibt es, den Wandel bestmöglich zu gestalten?

Rump: Die Lösungsansätze sind genauso vielfältig wie die Konsequenzen. Aber bei allen spielt Agilität eine wesentliche Rolle, genauso wie Selbstbestimmtheit, Beteiligung und Partizipation. Im Kontext der Führung rückt auch das Thema Demokratisierung in den Vordergrund. Das meint nicht unbedingt, dass jemand gewählt wird. Es hat vielmehr damit etwas zu tun, dass Teams relativ freiheitlich miteinander arbeiten und agieren. Auf diese Weise entsteht unglaublich viel Energie. Das funktioniert aber nicht ohne Regeln. Viele glauben ja, Agilität, Partizipation und Demokratisierung wären regelfrei. Nein! Je freiheitlicher ein System ist, umso krasser und umso stärker muss auch ein Stück weit das Regelwerk sein, welches das Ganze umgibt.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Forschungsarbeit? Auf welche Kompetenzen sollte jeder Einzelne setzen, um in Zukunft für die Arbeitswelt gerüstet zu sein?

Rump: Es kommt für jeden sehr darauf an, an der eigenen Beschäftigungsfähigkeit zu arbeiten. Die einmal abgeschlossene Berufsausbildung, die vermeintlich ein Leben lang hält, reicht nicht mehr aus. Stattdessen spielen in Zukunft eine Reihe von ganz bestimmten überfachlichen Kompetenzen und Einstellungen eine immense Rolle: Lernbereitschaft, Lernfähigkeit, Veränderungsbereitschaft, aber auch Offenheit und Mut, ein Stück weit über den Tellerrand hinauszuschauen. Das sind ganz zentrale Kernkompetenzen. Jeder Einzelne muss sich darüber klar werden, dass es nur noch einen Sicherungsanker gibt. Und der liegt in dieser Beschäftigungsfähigkeit. Wir können das auch ausrechnen. Nehmen Sie mal Ihr durchschnittliches Jahresbruttoeinkommen, das multiplizieren Sie mit 45, das ist die Anzahl der Jahre, die Sie abschlagsfrei in die Rente kommen, und rechnen einmal aus, was Sie wert sind. Dann werden Sie sehen: Jeder von uns ist ein Millionenvermögen wert. Wenn wir auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein Durchschnittseinkommen von 38.000 EUR brutto haben und das mit 45 Lebensarbeitszeitjahren multiplizieren, dann ist das ein Wert von 1,71 Mio. EUR. Das ist der größte Vermögenswert, den die meisten Menschen haben. Wie gehen wir damit um? Das ist die ganz zentrale Frage. Und das hat was mit Eigenverantwortung zu tun.