„Wir müssen mit dem Wandel und der Geschwindigkeit umgehen“

Anders Indset über Philosophie und Digitalisierung

Er ist einer der bedeutendsten Management-Vordenker der Welt. Bekannt für sein unkonventionelles Denken, provozierende Thesen und eine Rockstar-Attitüde, die ihm den Spitznamen “Rock’n’Roll Plato” eingebracht hat. Anders Indset inspiriert, provoziert und unterhält sein Publikum, um eine neue Sichtweise auf die „Kunst des Denkens“ zu eröffnen. Im Vordergrund stehen dabei Themen wie Leadership, Technologie, Wandel und Kreation. So auch beim Natural BI Summit 2019 in Hamburg, wie der gebürtige Norweger im Interview verrät.

Herr Indset, ein Philosoph ist nach gängigem Verständnis jemand, der nach Erkenntnissen über das Wesen und den Sinn des Lebens strebt. Wonach genau suchen Sie als Wirtschaftsphilosoph?

Indset: Philosophie kann uns in der heutigen Zeit helfen, komplexe Sachverhalte besser zu verstehen. Schließlich suchen wir alle nach plausiblen Erklärungen. Dazu müssen wir einen gesunden Skeptizismus an den Tag legen und alles hinterfragen, was uns Medien und andere so alles vorsetzen. Hierbei können wir sehr viel aus der alten, klassischen Philosophie lernen. Ich habe es zu meiner Aufgabe gemacht, die Schätze der Vergangenheit zu heben und auf das 21. Jahrhundert zu projizieren. Die alten Weisheiten praktisch anwendbar zu machen, indem ich die Wissenschaft und Technologie vom morgen mit der Philosophie von gestern zusammenbringe und für die Menschen von heute verständlich mache.

Gibt es unter den angesprochenen Schätzen der Vergangenheit den ein oder anderen, auf den Manager und Führungskräfte besonders ansprechen? Was sorgt für den größten Erkenntnisgewinn?

Indset: Jeder nimmt etwas anderes mit, schließlich ist jeder ein anderer Typ. Gerade in Deutschland merke ich aber, dass wir hier in Sachen Führung und Gestaltung von Wandel ein bisschen ängstlich sind. Wir verstecken uns hinter Strukturen, Rollen und Krawatten. Wir trauen uns nicht so richtig, aus uns heraus zu kommen. Dabei sind Gefühle und das Zulassen von Fehlern wichtig. Verletzlichkeit ist die Basis für Vertrauen und Offenheit. Wir haben inzwischen alle verstanden, dass es nicht alleine, sondern nur gemeinsam geht. Und Gemeinsamkeit braucht Vertrauen. Das muss man über eine lange Zeit in kleinen Schritten aufbauen. Menschen entwickeln Vertrauen, wenn sie spüren, dass sich Ihr Gegenüber für sie interessiert, offen und ehrlich kommuniziert. Man spricht hier allgemein von Soft Skills, tatsächlich sind es aber Hard Skills. Darüber hinaus müssen wir Fragen stellen. Fragen führen zu unangenehmen Situationen, Fehlern und Verletzlichkeit. Und Verletzlichkeit ist der Geburtsort von Kreation, Innovation und Fortschritt.

Wie lassen sich solche Erkenntnisse in die Praxis umsetzen?

Indset: Man muss es spüren. Ich kann Informationen von Power-Point-Folien ablesen, da nimmt allerdings niemand etwas mit. Ich kann erklären, damit die Menschen verstehen. Verarbeiten müssen sie es aber selbst – über Erfahrungen und Sinneserlebnisse. Erst durch dieses Experience Based Learning kann Wissen entstehen, auf das man aufbauen kann. Am Wollen scheitert es nur selten. Viele Vorstände und Führungskräfte – auch in DAX-Konzernen – haben verstanden, dass der alte Hardcore-Kapitalismus à la Adam Smith, der auf Materialismus und Hierarchien beruht, nicht mehr funktioniert. Die Schwierigkeit ist vielmehr, Gefühle zuzulassen, anstatt sie zu überspielen. Sich nicht hinter Hochglanzbroschüren und Websites zu verstecken, sondern die dort proklamierten Werte und Visionen zu leben. Das ist die Brücke, die wir bauen müssen. Ich rate immer dazu, sich auf zwei Werte zu fokussieren und diese auch wirklich zu leben – jeden Tag. Dahinter zu stehen, damit die Menschen wissen, wofür man steht. Klare Kriterien und Grenzen zu haben. Daran scheitert es häufig, denn das muss man trainieren. Das ist richtig harte Arbeit.

Was beschäftigt Sie im Moment ganz besonders?

Indset: Ein Thema, das uns alle betrifft, sind die Wirkkräfte des Wandels. Das, was wir Revolution nennen, ist häufig nur eine Reaktion auf vorhergehende Ereignisse. Und unter der Oberfläche passiert derzeit so einiges, das die Welt verändern wird, auch wenn viele das gar nicht so richtig wahrnehmen. Und während andere über digitale Transformation und disruptive Technologien sprechen, beschäftige ich mich damit, was nach der Digitalisierung kommt. Dieser Frage sollten wir uns alle stellen, denn es gibt nicht „die“ Digitalisierung. Es gibt keine digitale Transformation, die irgendwann einmal abgeschlossen ist. Wir wissen nicht, zu was wir uns transformieren. Vielmehr sollten wir fragen: Welche Zukunft ist für mich erstrebenswert? Mit dieser ebenso existenziellen wie philosophischen Frage muss sich jeder Mensch auseinandersetzen. Wir haben zehn Jahre Zeit, um zu entscheiden, welche Zukunft wir gestalten wollen. Und wir müssen mit dem Wandel und der Geschwindigkeit umgehen. Ich möchte den Menschen, Unternehmern, Führungskräften und Controllern etwas mitgeben, das sie anwenden können – im Job, aber auch generell im Leben.